Erläuterungen zur Konzeption und zum Entstehungskontext des Onlinekurses

 

Die Situation

Was wir über die Welt wissen, wird weitgehend von Medien bestimmt. Eine besondere Rolle kommt dabei dokumentarischen Filmen zu – also allen audiovisuellen Formen und Formaten, die dokumentarischen Charakter haben –, da sie nicht nur in einem wörtlichen Sinn unsere Sicht auf die Welt bestimmen, sondern wir ihnen auch einen besonderen Bezug auf Realität und mithin eine größere Glaubwürdigkeit als anderen medialen Ausdrucksformen zubilligen. Sie sind für uns nicht nur ästhetische Konstruktionen zur Unterhaltung, sondern Informationsquellen, die Wissen vermitteln.

Dokumentarische Filme finden sich dabei in einer kaum mehr umfassend beschreibbaren Vielfalt von unterschiedlichen Formen und Formaten, angefangen bei Fernsehnachrichten, Reportage-Magazinen, Lehr- und Industriefilmen, Amateurfilmen, Überwachungsvideos, Schulungsfilmen, Videotutorials oder Geschichtsdokumentationen aller Art, um hier nur einige wenige zu nennen.

Sie finden sich längst nicht mehr nur im Kino oder im Fernsehen, sondern in ganz unterschiedlichen, inzwischen meist digitalen Medien.

Auch zahlreiche Wissenschaftsdisziplinen entdecken dokumentarische Filme inzwischen in zunehmendem Maß als Quellen für ihre Forschung: Architekten sehen in ihnen beispielsweise Dokumente der Architektur- und Stadtgeschichte sehen, Soziologen und Ethnologe erkennen in ihnen Dokumente sozialer Verhaltensweisen oder Historiker entdecken sie als Quellen der Geschichtsschreibung. Mithin entwickeln sich in diesem Feld immer mehr neue emergierende Arbeitsfelder nicht nur in den bekannten Medien selbst, sondern vor allem auch im Bereich neuer kuratorischer Praktiken in Museen, Ausstellungen, der Eventorganisation, im Festival- und im Kunstbetrieb usw..

Eine Einführung in die filmhistorischen und medientheoretischen Grundlagen des dokumentarischen Films, die sich nicht nur an Medienwissenschaftler, sondern alle richtet, die sich intensiver mit  dokumentarischen Filmen auseinandersetzen wollen, ist daher ein wirkliches Desiderat. Voraussetzung hierfür ist u.a., dass es geeignete Findemittel gibt. Mit der seit 2018 öffentlich zugänglichen Datenbank zur deutschen Dokumentarfilmgeschichte (www.dokumentarfilmgeschichte.de)  kann man sich nun erstmals einen filmographischen Überblick über das Material verschaffen und in rund 15.000 filmographischen Metadaten gezielt recherchieren. Diese Vorarbeiten, die im Rahmen eines DFG-Projekts erbracht wurden, an dem u.a. Prof. Dr. Thomas Weber und Dr. Daniel Kulle beteiligt waren, bilden eine wichtige Grundlage und den Hintergrund für den hier konzipierten Onlinekurs.  

Gerade in der Vermittlung eines grundständigen Wissens über dokumentarische Filme fehlt es in der universitären Lehre an einfachen und unkomplizierten Zugängen zum Material selbst. Allzu oft sind die Filme nur für eine Fachöffentlichkeit zugänglich, verteilt über spezialisierte Archive in ganz Deutschland, die oft in ihrem Zugang stark beschränkt sind. Hinzu kommt, dass auch die wissenschaftliche Diskussion, angefangen bei Theoriediskursen bis hin zu Darstellungen der historischen Entwicklung, für Studierende nur wenig anschaulich ist, da sie mit Ausführungen über Filme konfrontiert werden die sie oftmals nie gesehen haben (können). 

Ziele

Aus diesem Grund haben möchten wir möglichst vielen Menschen einen Open-Access-Zugang zur Thematik ermöglichen, der sich nicht allein nur an Spezialisten richtet, sondern einer möglichst breiten Gruppe von Studierenden ein Basiswissen zu Theorien und Geschichte des dokumentarischen Films vermittelt.

Der Onlinekurs sollte sowohl in der Präsenzlehre, d.h. in Vorlesungen und in Seminaren, als auch im Selbststudium eingesetzt werden können.

In Vorlesungen oder Seminaren ersetzt er die Präsenzlehre nicht, sondern soll eine Grundstruktur bieten, die die Präsenzveranstaltung von Faktenvermittlung entlastet. Der Onlinekurs ist Teil eines “blended learning” Verfahrens, das Präsenzveranstaltungen ergänzt, gleichwohl aber die Präsenz von Lehrenden und Studierenden in Vorlesungen und Seminaren keineswegs überflüssig macht.

Besonderen Wert haben wir dabei auf audiovisuelle Evidenz gelegt, d.h. auf einen einfachen, anschaulichen Zugang zum thematisierten Material. Allzu oft sind dokumentarische Filme ansonsten den Studierenden unbekannt, öffentlich nur schwer zugänglich oder unauffindbar. Um nicht nur über diese Filme zu sprechen oder auf Literatur über sie zu verweisen bedarf eines Konzeptes, das Filmmaterial zusammen mit anderen Quellen (Theorietexten, Interviews mit Filmschaffenden, erläuternden Videotutorials etc.) sowie geeigneten Selbstlern-Methoden bzw. auch einer Nutzerführung durch Aufgaben und Fragestellungen didaktisch so aufzubereiten, dass ein attraktives Angebot für Studierende entsteht.

Dabei haben wir uns vor allem auf folgende Ziele konzentriert:

  • Basiswissen zu den wichtigsten wissenschaftlichen Theorien zum dokumentarischen Film: von semio-pragmatischen Ansätzen hin zu medienökologischen Theorien medialer Milieus.
  • Überblick über wichtige Methoden und Vorgehensweisen der Forschung
  • Basiswissen über die zentralen ästhetischen Darstellungskonzepte 
  • Einblicke in mediale Praktiken und Arbeitsweisen von Filmschaffenden
  • Basiswissen zur zentralen historischen Entwicklungen des dokumentarischen Films anhand ausgewählter Beispiele wie z.B. der frühen Kinematographie, Vertov und Grierson, Kulturfilm und Wochenschauen, Direct Cinema und Cinéma Verité, Fernsehdokumentarismus, etc.

Herausforderungen

Das Projekt eines Onlinekurses zum dokumentarischen Film stand vor einer Reihe von besonderen Herausforderungen

1.) Die vorhandene (Print-)Literatur bespricht dokumentarische Filme, die die Studierenden nicht kennen und die für sie auch nicht einfach zugänglich sind. Sie fehlen in der normalen Zirkulationssphäre von Kino, Fernsehen und Streaming-Plattformen und sind häufig sogar selbst in den Filmarchiven nicht systematisch gesammelt worden oder dort nur unter restriktiven Bedingungen zugänglich.  Grund ist die im Vergleich zu europäischen Nachbarländern besonders desolate Archivlage in Deutschland. Vom Zugang zu den Filmen selbst abgesehen fehlte es bis vor Kurzem sogar an einer Datenbank, in der recherchiert werden kann, welche Filme es überhaupt gegeben hat bzw. gibt. Eine Herausforderung für die Lehre ist es daher eine attraktive Gestaltung von Lehrinhalten, die mit den aktuellen Medientechnologien arbeitet, an die die Studierenden gewöhnt sind (z.B. Websites mit responsivem Design, Bereitstellung von Materialien in digitaler Form auf geeigneten Plattformen etc.) und eine dem Gegenstand angemessene Form der Vermittlung , die didaktische Möglichkeiten mit audiovisueller Evidenz verbindet. 

2.) Eine besondere Herausforderung ist die Konzeption eines Kurses im Blended-Learning-Verfahren, in dessen Zentrum eine Onlinekurs steht, der sich differenziert in verschiedenen Lehrformaten (Vorlesung, Seminar, Selbststudium) einsetzen lässt. Dies bedarf einer Ausdifferenzierung der Inhalte nach den Erfordernissen der Präsenzveranstaltungen.

3.) Die meisten „Lehrbücher“ gibt es nur in Printform in Englisch; diese sind nicht allen Studierenden zugänglich – sei es, weil sie in den Bibliotheken fehlen oder auf Grund fehlender, bzw. nicht hinreichender Sprachkenntnisse.

4.) Die meist englischsprachigen Lehrbücher setzen neben den international kanonisierten Filmen meist eigene nationale Schwerpunkte: Sie gehen auf in Deutschland gänzlich unbekannte (und entsprechend unzugängliche) Filme ein und ignorieren im Gegenzug die Filmproduktion Deutschlands.

5.) Viele DozentInnen trauen sich auf Grund des sperrigen Materialzugangs nicht an die Thematik „Dokumentarischer Film“ heran oder beschränken sich auf eine allzu enge Auswahl von Filmen. Die Studierenden verlieren oft das Interesse, da sich ihnen über die allzu fokussierten Beispiele das Feld nicht erschließt. Oft fehlt es ihnen auch an audiovisueller Evidenz bzw. an einer Aufbereitung des Materials, das dessen Medialität auch sinnlich erfassbar macht. Gerade in den von den Studierenden oft unbeliebten Vorlesungen – die nach wie vor die Chance bieten, in konzentrierter Form einen großen Überblick über ein Themenfeld zu bekommen – steht die Lehre vor der Herausforderung, sinnlich fassbar, didaktisch aufbereitet und d.h. auch für die Studierenden nachvollziehbar mit dem Material umzugehen.

6.) Basiskenntnisse zum dokumentarischen Film werden sowohl im BA als auch MA benötigt, sowohl innerhalb medienwissenschaftlicher Studiengänge als auch für Studiengänge anderer disziplinärer Ausrichtung (Geschichte, Soziologie, Kunstgeschichte, Ethnographie etc.), da dokumentarische Filme in ihnen entweder wichtige Quellen darstellen oder dokumentarische Praktiken zu den Forschungsmethoden selbst gehören.

Entstehungsgeschichte

Hervorgegangen ist der Kurs aus verschiedenen Projekten und Veranstaltungen zu Geschichte und Theorien dokumentarischer Filme, die an der Universität Hamburg durchgeführt wurden. Dazu zählt insbesondere das DFG-Langfristprojekt „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945 – 2005“, die von der Landesforschungsförderung Hamburg geförderte Forschergruppe „Übersetzen und Rahmen. Mediale Praktiken der Transformation“ und hier insbesondere das Teilprojekt „Authentizität transformieren“, sowie die Arbeit der Gruppe „dokART“ und des „dokART Labors“, aus denen u.a. auch die Fernsehreihe „dokART bei Tide TV“ hervorging. In diesem Rahmen wurden auch eine Reihe von Vorlesungen, Ringvorlesungen und Seminaren durchgeführt, in deren Verlauf Materialien entstanden, die – mit erheblichen Ergänzungen – auch für den vorliegenden Onlinekurs Dokumentarischer Film genutzt werden.

Dieses Vorhaben wurde unterstützt vom Universitätskolleg der Universität Hamburg mit Mitteln des BMBF.

Anmerkung zur Auswahl der Themen und der Materialien

Bei der Realisierung des Onlinekurses mussten wir – nicht zuletzt auch aus rechtlichen Gründen – eine Reihe von inhaltlichen Konzessionen machen, d.h. eine rigorose Auswahl auf verhältnismäßig wenig Themen und Beispiele treffen:

 

  1. Der Onlinekurs Dokumentarischer Film beansprucht keine Vollständigkeit. Er spiegelt die Sichtweise der Redaktion und insbesondere auch die Sicht der AutorInnen wieder, die die jeweiligen Lektionen bzw. Units verfasst haben. Bei der Darstellung der Geschichte dokumentarischer Filme haben wir uns rigoros beschränkt auf einige wenige, ausgewählte Themenfelder, mit denen wir keineswegs Anspruch auf eine repräsentative Kanonisierung erheben. Wir haben dabei vor allem zentrale, z.T. aber auch  randständige Themen angesprochen, um die Vielfalt und die Bandbreite dokumentarischer Ausdrucksformen im Bewusstsein zu halten.
  2. Bei der Einteilung der historischen Phasen folgen wir technologischen und ästhetischen stärker als politischen Umbrüchen. Die Einführung des Tonfilms halten wir für die Geschichte dokumentarischer Filme für bedeutender als das Aufkommen der Nationalsozialisten, die Einführung von Handkameras mit Synchronton und der Videotechnik wichtiger als das Ende des Zweiten Weltkriegs oder die innerdeutsche Teilung, das Aufkommen des privaten Fernsehens für wichtiger als die Wiedervereinigung und schlussendlich die Etablierung von Videoplattformen wie Youtube im Internet und von Smartphone-Videos wichtiger als die Veränderungen der Weltordnung nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Gleichwohl hängen politische Ereignisse, gesellschaftliche Veränderungen, technologische Neuerungen und die Etablierung neuer ästhetischer Konventionen eng miteinander zusammen. Wir haben daher eher Phasen beschrieben, in denen das Zusammenspiel von verschiedenen Akteuren stabile Figurationen ausgebildet haben. Die Jahreszahlen in den Lektionsüberschriften zur historischen Entwicklung dienen daher nur einer ersten Orientierung und bezeichnen keine fixe Einteilung.
  3. Die Auswahl von Filmen und anderen Materialien folgte z.T. pragmatisch der Verfügbarkeit dieser Materalien im Hinblick auf eine Präsentation in einem Onlinekurs. Selbstverständlich haben wir neben eigenen Aufzeichnungen (z.B. von Vorträgen und Interviews mit Filmemachern) auch zahllose Beispiele von bekannten Videoplattformen wie Youtube und Vimeo aufgegriffen und in den Onlinekurs integriert. Zwar haben wir uns bemüht, die Herkunft dieser Quellen zu überprüfen (z.B. durch Abgleich der Ausschnitte mit uns bekannten Orginalbeispielen), gleichwohl war dies oft nicht möglich. Bei diesen Materialien handelt es sich also nicht immer um verifizierte Quellen, sondern oft um Ausschnitte unbekannter Herkunft. Im Interesse einer möglichst anschaulichen Präsentation haben dennoch auf sie zurückgegriffen und bitten um Verständnis, wenn diese Beispiele vom Original abweichen, Werbung enthalten sollten oder aber nach einiger Zeit aus uns nicht bekannten Gründen wieder von den Plattformen heruntergenommen werden (und damit auch dem Onlinekurs nicht mehr zur Verfügung stehen). (Siehe dazu auch den Disclamer).

Struktur des Kurses

Wie ist der Kurs aufgebaut und wie soll man mit dem Kurs umgehen? Der Onlinekurs kann im Selbststudium eingesetzt werden, ist aber primär für einen Einsatz in einem Blended-Learning-Verfahren, d.h. als Ergänzung für Präsenzveranstaltungen wie Vorlesung und Seminar gedacht. Der Kurs ist in 14 Lektionen gegliedert, von denen Lektion 1 – 4 zunächst in wichtige, neuere wissenschaftliche Diskurse und Theorien des dokumentarischen Films einführen, die zugleich die Definition des Gegenstandsbereichs und dessen mediale Ausdifferenzierung erläutern. Die Lektionen 5 – 9 führen in wissenschaftliche Methoden zur Erforschung des dokumentarischen Films ein und in wichtige Themenfelder, in denen der dokumentarische Filme besondere Bedeutung erlangte, die Lektionen 10 – 14 skizzieren die historische Entwicklung dokumentarischer Filme in groben Schritten.

Jede Lektion ist in sogenannte Units gegliedert: die Einführungsunits sollen von allen gelesen und bearbeitet werden, da sie ein Basiswissen im jeweiligen Themengebiet vermitteln. Die Vertiefungsunits bieten Zusatzinformationen oder Beispiele, die den in den Einführungsunits dargestellten Stoff veranschaulichen oder vertiefen. Ob die Studierenden den Vertiefungsunits folgen oder nicht steht ihnen dabei frei.

Da der Onlinekurs in einem Blended-Learning-Verfahren auch in Präsenzveranstaltungen eingesetzt werden soll, obliegt es den jeweiligen Dozenten, die Units auszuwählen, die sie für den Einsatz in den Präsenzveranstaltungen für geeignet halten. Abhängig vom jeweiligen Fokus oder den Interessenschwerpunkten sind auch andere Anordnungen denkbar und möglich. Wir verstehen die hier skizzierte Aufteilung der Lektionen und Units als Vorschlag für eine Grundstruktur und als Anregung, die selbstverständlich individuell abgewandelt werden kann.

Innerhalb der Units finden sich zwei Typen von Fragen: 1. sogenannte Selbsttests (in der Regel blau markiert), die den Studierenden ein unmittelbares Feedback geben (meist sind es Multiple Choice Fragen) und sich daher auch zum Selbststudium eignen. Diese Fragen werden nicht bewertet und können beliebig oft wiederholt werden. 2. Sogenannte Übungsaufgaben (in der Regel orange markiert). Die Übungsaufgaben dienen einer vertiefenden Reflexion oder der Anregung von Diskussionen innerhalb einer Präsenzveranstaltung. Es handelt sich in der Regel um offene Fragen, auf die es kein automatisiertes Feedback geben kann. Sie sind als Anregung zum individuellen Nachdenken oder zur Diskussion in der Gruppe gedacht. Auch diese Fragen werden nicht bewertet.

Schlussendlich gibt es noch sogenannte Abschlussfragen, die gesondert am Ende jeder Lektion gestellt werden. Diese Abschlussfragen sind als Anwesenheitsnachweis für eingetragene Studierende für die Vorlesung “Geschichte und Theorien des dokumentarischen Films” an der Universität Hamburg gedacht. Ihre Beantwortung setzt eine Eintragung in STINE voraus.

Im WiSe 2018-19 entstand an der Universität Hamburg die „Beta“-Version des Onlinekurses, der für dieses Semester nur für Studierende und Lehrende der Universität Hamburg zugänglich ist. Für den Zugang ist ein Passwort nötig, dass nur die Lehrenden erhalten und dann an die Studierenden in den entsprechenden Präsenzveranstaltungen weitergegeben wird. 

Interessierte Lehrende an Universitäten können jedoch auf Anfrage und mit einem begründeten Anliegen bei Verantwortlichen des Kurses (siehe Impressum) ein Passwort für einen Zugang zu dieser Version erhalten.